Posted by Auhron on März 9, 2010
 Heavy Rain im Test: Geburt eines neuen Genres oder Quick-Time-Orgie?

Heavy Rain im Test: Geburt eines neuen Genres oder Quick-Time-Orgie?

Es gibt sicherlich viele Spieler da draußen, die bei dem Firmennamen „Quantic Dream“ nicht gleich wissen, um wen es sich handelt. Von Heavy Rain hingegen dürften die meisten Spieler durchaus in den vergangenen Jahren oder Monaten bereits gehört haben. Der interaktive Thriller der als einer der Vorzeigetitel für die PS3 gilt, ist allerdings nicht das Erstlingswerk des französischen Entwicklungsstudios. Bereits 2005 erschien mit Fahrenheit ein erster Wegbereiter für das Genre, welches nun mit Heavy Rain fortgesetzt wurde.

In vielen Videos die vorab veröffentlicht wurden, waren häufig die sogenannten Quick-Time-Events zu sehen, bei denen man schnell eine Taste drücken muss, um erfolgreich zu sein. Doch was bietet Heavy Rain nun spielerisch? Ist es wirklich nur ein interaktiver Film und wenn ja, kann die Story allein dem Titel dazu verhelfen dennoch ein ganz großes „Spiel“ zu werden? Dies wollen wir in unserem Test für die PlayStation 3 klären.

Fahrenheit, Motion-Capturing und der Origami-Killer

Bevor wir uns mit Heavy Rain beschäftigen, sei ein kurzer Rückblick auf Fahrenheit, den indirekten Vorgänger gestattet. Denn auch dieses Adventure setzte sich mit seinen diversen spielbaren Charakteren, der ungewöhnlichen Steuerung, den Quick-Time-Events (QTE) und der spannenden, sowie erwachsenen Story positiv von anderen Adventure-Vertretern ab. Bereits hier konnte man Splitscreens in bester 24-Manier bewundern und musste mit dem Held so einige Abenteuer bestehen. Letztlich litt aber Fahrenheit noch unter vielen Kinderkrankheiten, der mehr schlechten als rechten Einbindung von QTEs und vor allem unter der zum Ende hin sehr obskuren Story. Dennoch sollte man auch Fahrenheit einmal gespielt haben. Eines wollen wir bereits jetzt verraten, bei der Story und auch bei der Einbindung der QTEs macht Heavy Rain definitiv eine bessere Figur.

Die Jungs rund um David Cage, den Gründer von Quantic Dream haben es aber nicht nur mit Spielen, sondern sie kümmern sich auch für fremde Firmen um das Motion Capturing. Auf dieses Wissen griffen die Franzosen nun in Heavy Rain in einer neuen Art und Weise zurück, denn die Schauspieler wurden nicht nur bei allen Bewegungen ordentlich verdrahtet, auch Sensoren auf den Gesichtern wurden in großer Anzahl angebracht, um auch die Gefühle und Gespräche realistischer als je zuvor darstellen zu können. Hier sei auch wieder vorab verraten, dass fast alle Gesichter und Gesichtsanimationen auch wirklich ein echtes Highlight dieser Konsolen-Generation darstellen.

Aber worum geht es in Heavy Rain eigentlich? Natürlich möchten wir keine Story-Spoiler in unserem Review bringen, aber es sei so viel verraten, dass alle vier spielbaren Charaktere des Spiels in die Morde des Origami-Killers eingebunden sind. Dieser tötet Kinder durch Ertrinken, hinterlässt stets eine Origami-Figur in deren Hand und eine Orchidee auf ihrer Brust. Die Schicksale aller Hauptcharaktere und auch von einigen Nebencharakteren sind miteinander verwoben und sorgen so für die ein oder andere Überraschung. Auch ist mir und diversen Freunden, sowie Kollegen keinesfalls der wahre Mörder oder die wahre Mörderin auch nur im Geringsten im Spielverlauf aufgefallen. Sprich die endgültige Auflösung dürfte wohl so ziemlich jeden von euch ebenso überraschen wie es bei uns der Fall war.

Gefühle erzeugen und Verbindungen zu Schicksalen herstellen

Wir möchten darauf hinweisen, dass wir zwar versucht haben Spoiler zu vermeiden, aber dennoch einige Ereignisse im Spiel wiedergeben. Diese waren zwar bereits durch Vorab-Präsentationen und diverse Videos häufig zu sehen, dennoch werden einige Spielmomente erwähnt und somit gespoilert.

Heavy Rain beginnt im Gegensatz zu Fahrenheit alles andere als rasant oder sonderlich spannend, sondern führt euch ganz gemächlich in die ungewöhnliche Steuerung ein und zwar mit absolut alltäglichen Aufgaben. So schlüpft ihr zu Beginn in die Rolle von Ethan Mars, einem erfolgreichen Architekten mit Frau und zwei Kindern. Der Tag beginnt und ihr genießt den Sonnenschein und die Aussicht, duscht, putzt euch die Zähne, rasiert euch und macht euch an eure Arbeit oder genießt das Wetter im Garten. Bereits in den ersten Spielminuten habt ihr viele Freiheiten, auch wenn diese noch völlig irrelevant für den Spielablauf erscheinen, was sich aber mit zunehmender Spielzeit rapide ändern wird.

Dieser Einstieg mitsamt einer Geburtstagsfeier für das ältere Kind und dem anschließenden Unfall bei dem euer Sohn leider dahinscheidet und ihr selbst in ein langes Koma fallt mag zum Teil langgezogen wirken. Aber glaubt uns, bereits während der ersten Stunden spielt ihr mit euren Kindern, erlebt wie glücklich Ethan ist und bereits der erste Verlust für euch wird schmerzhaft sein. Doch all dies soll erst der Anfang der schlimmen Ereignisse in Heavy Rain für euch sein.

Das schöne Wetter endet, die Zeit ist nun zwei Jahre nach diesem Unfall angesiedelt, Ethan lebt getrennt von seiner Frau und macht sich nach wie vor Vorwürfe, dass er seinen Sohn im Kaufhaus (Zeitpunkt des Unfalls) aus den Augen verloren hatte und nicht retten konnte. Der zweite Sohn Shaun ist abwechselnd bei seiner Mutter und bei ihm. Ethan wohnt inzwischen in einem kleinen und eher trostlosen Haus, sieht niedergeschmettert aus, unrasiert und seine Zeichnungen sind längst in einem Raum zusammen mit alten Videoaufnahmen im Staub verkommen. Der starke Regen setzt ein und die gedrückte Stimmung wirkt auf euch und euren Charakter ein. Man fühlt mit Ethan und auch der jüngere Sohn Shaun kann sich noch an alles erinnern und das frohe Lachen ist beiden inzwischen längst vergangen.

Ein weiteres Unglück geschieht und die Geschichte nimmt seinen Lauf

Ethan ist seit seinem Unfall nicht nur von Schuldgefühlen betroffen, auch leidet er unter Blackouts. Einige Spielstunden später ist Ethan mit Shaun auf einem Spielplatz, alles beginnt sich zu bessern, beide lachen und haben Spaß miteinander. Doch dann tritt erneut ein Blackout auf und nachdem Ethan zu sich kommt ist er an einer Straßenkreuzung, in der Hand eine Origami-Figur und sein zweiter Sohn ist verschwunden. Nach den Ereignissen die bis zu diesem Zeitpunkt eingetreten sind, werdet ihr mit der Verzweiflung von Ethan förmlich verbunden sein und mit dem Vater zusammen leiden. Die sämtliche Spielzeit baute bisher darauf auf, euch die Verbindung zwischen den beiden näher zu bringen und nun spürt ihr am eigenen Leib die ganzen Schmerzen von Ethan in diesem Moment.

Damit nehmen nun endgültig die Dinge ihren Lauf und die Suche nach eurem Sohn und dem Origami-Killer nehmen an Fahrt auf. Doch auch die anderen drei Hauptcharaktere spielen eine wichtige Rolle und jeder von ihnen hat einen Grund für die Suche nach Shaun und für die Jagd auf den Origami-Killer, sowie sein eigenes privates Laster zu tragen.

Die Hauptcharaktere und ihr Bestreben für die Suche nach dem Killer

Werfen wir einen Blick auf die drei weiteren Charaktere die ihr im Spielverlauf immer wieder steuern werdet. Da wäre die Journalistin Madison Page, die junge und attraktive Frau leidet seit einiger Zeit unter Albträumen und extremen Schlafstörungen. Mit genau diesen Problemen werdet ihr auch bei ihrem Story-Beginn konfrontiert werden. Madison wird im Spielverlauf auch auf Ethan treffen und die beiden Schicksale werden eine Verbindung erfahren, wenn ihr es denn so wollt, denn wie mit allen Charakteren habt ihr auch bei Madison die Wahl zwischen diversen Spielmöglichkeiten. Das Ziel von Madison ist zu Beginn klar, nämlich eine Story über den Origami-Killer zu schreiben.

Als Norman Jayden werdet ihr wiederum in die Rolle eines Profilers vom FBI schlüpfen können, der gute hat allerdings ein echtes Drogenproblem, welches euch im Spielverlauf immer wieder vor Entscheidungen und Probleme stellen wird. Ihr arbeitet später häufig mit anderen Polizisten zusammen, könnt aber auch sein Schicksal und seine Geschichte mit dem von Ethan und Madison verknüpfen. Eure Aufgabe besteht aber letztlich darin einige Verdächtige auszuquetschen und auch darin Tatorte zu untersuchen. Dabei könnt ihr dank einer speziellen Brille und einer virtuellen Umgebung auf allerlei High-Tech-Equipment zurückgreifen, was einen ganz eigenen Part zur Atmosphäre von Heavy Rain beiträgt, die etwas an Minority Report erinnert und sogar noch etwas cooler daher kommt. Denn auf diese Weise untersucht ihr nicht nur Tatorte, sondern arbeitet euch auch durch Beweise und die Untersuchung von allerhand Indizien.

Die letzte Rolle schließlich kommt dem etwas kräftiger gebauten Scott Shelby zu. Einem Privatdetektiv, der für die Familien der Opfer des Origami-Killers ermittelt und somit probiert eventuell übersehene Beweise der Polizei zu finden, um den Killer ausfindig machen zu können. Dabei lernt ihr auch diverse Schicksale von Angehörigen kennen, deren Leben allesamt nicht mehr so sind, wie noch vor dem Verlust des Kindes.

Schnelle Reaktionen und Verbindungen mit Saw gefällig?

Wir erwähnen den Horror-Thriller „Saw“ nicht ohne Grund, denn auch Heavy Rain enthält einige sehr heftige Szenen für mehrere Charaktere im Spiel. Diese und auch andere stellen euch immer wieder vor eine essentielle Frage: „Wie weit würdet ihr gehen, um jemanden zu retten, den ihr liebt?“.

So wird Ethan im Spielverlauf diverse Prüfungen absolvieren müssen, die euch vor schwere Entscheidungen stellen. Euer eigenes Leben steht dabei nicht selten auf der Waage, denn nicht nur Ethan, auch andere Charaktere können im Verlauf des Spiels sterben. Anders als üblich in Spielen gehört der Tod bei Heavy Rain einfach dazu und auch nach dem Tod eines Charakters ist das Spiel nicht zu Ende. Das Spiel geht weiter, mit all den Konsequenzen die daraus entstehen mögen, somit ist auch eines sicher, denn dass sich das mehrmalige durchspielen in jedem Fall lohnt. Denn ihr werdet neue Szenen entdecken, neue Stellen im Spiel zu Gesicht bekommen und auch ein ganz anderes Ende des Spiels erleben können. Wer nach dem zweimaligen durchspielen aber eventuell keine Lust mehr auf einen dritten Durchgang hat, muss sich auch keine Sorgen machen, denn ihr könnt jede Episode des Spiels erneut anwählen und euch so auch nachträglich in Szenen ganz anders entscheiden.

Sowohl die Bewegungssensoren des Playstation-Pads als auch die normalen Quick-Time-Events wurden in Heavy Rain wirklich sehr gelungenen eingebunden. Ihr müsst eine Tür eintreten? Kein Problem die entsprechende und schnelle Bewegung mit dem Controller führt zum Erfolg. Ihr müsst eine Tür möglichst leise öffnen? Bewegt dazu einfach den rechten Stick behutsam in die angezeigte Richtung. Fast alle Aktionen im Spiel laufen auf diese Weise ab. Auch die QTEs sind dabei geschickt eingebunden, auch wenn ihr nicht immer die richtige Taste schnell genug erwischt, bedeutet dies noch lange nicht „Game Over“. Wie erwähnt können Charaktere durchaus sterben und das Spiel geht trotzdem weiter, aber auch sonst führt nicht jeder Fehler sofort zum Verlust des jeweiligen Abschnitts. Dank drei Schwierigkeitsgraden sollten auch Anfänger keinerlei Probleme haben, erfahrene Spieler sollten aber in jedem Fall auf dem zweiten der beiden Stufen beginnen.

Ungewöhnliche Charakter-Steuerung trifft auf interaktiven Thriller

Bisher haben wir Heavy Rain ja eigentlich nur gelobt, ein wenig Kritik muss sich das Spiel aber auch gefallen lassen. Zum einen wird ein Spieler der rein auf die volle und eigene Kontrolle der Figur aus ist und viel Action brauch oder gar Schießereien mit Heavy Rain sicherlich nicht glücklich werden. Alle anderen Spieler sollten aber dieses erzählerische Meisterwerk nicht an sich vorbei gehen lassen.

Neben der Tatsache dass ihr es also nur mit indirekter Kontrolle und somit einem interaktiven Thriller zu tun habt, spielt auch noch die ungewöhnliche Charaktersteuerung eine eher negative Rolle. Wer alte Resident Evil-Teile gespielt hat, der sollte wohl die Steuerung der Figuren schnell inne haben. Denn durch das herunterdrücken der rechten Schultertaste beschleunigt ihr praktisch gesagt die Figuren und verändert nur ihre Richtung anschließend mit dem Stick. Was durchaus zu Problemen in der Hektik führen kann, zusammen mit der starren Kamera-Perspektive ist dies in der Tat ein negativer Punkt an Heavy Rain, der aber dennoch nach einiger Zeit und aufgrund der sonst sehr vielen positiven Eigenschaften keinen Genickbruch darstellt.

Fazit: Gerne hätten wir euch die grandiose Atmosphäre des Titels anhand einer Szene genauer dargestellt, da wir aber auf Spoiler verzichten wollten, haben wir davon Abstand gehalten. Heavy Rain schafft es aber ohne jeden Zweifel eine fantastische Thriller-Atmosphäre aufzubauen, was an der Technik, den Animationen der Gesichter und der orchestralischen Musik und der düsteren Umgebung samt Regen und Unwetter liegt. Ihr werdet in den ersten Spielstunden die Kinder von Ethan richtig ins Herz schließen und umso verletzter sein, wenn euch diese weg genommen werden. Das Spiel schafft es, dass euch jeder Charakter, trotz seinen eigenen Schwächen, an das Herz wächst. Ihr müsst Entscheidungen treffen, um Leben und Tod kämpfen und Rückschläge ertragen. Selten gab es ein Spiel mit solch einer grandiosen Geschichte und aus unserer Sicht nie zuvor einen Titel der so geschickt mit Gefühlen gespielt hat, wie es Heavy Rain schafft.

Heavy Rain mag durch seine Steuerung und Quick-Time-Events nicht für jeden Spieler gleichermaßen ansprechend sein, wer aber Wert auf eine Geschichte, Spannung und eine Brise Horror legt, der darf sich das Spiel nicht entgehen lassen. Denn wir können euch versichern, dass ihr und auch Freunde die euch nur zu sehen werden, in die einzigartige Geschichte hineingezogen werdet und es euch schwer fallen wird, dass Pad auch nur kurz aus der Hand zu legen.

Dank grandiosen Charaktermodellen und Gesichtsanimationen stellt Heavy Rain auch im technischen Bereich einen neuen Meilenstein dar. Wenn der Regen an den Gesichtern, Fensterscheiben und anderen Objekten herunterläuft, hilft dies die düstere Atmosphäre noch zu verstärken.

Wer kleinere Probleme mit der Charaktersteuerung ertragen kann, sollte sich Heavy Rain für die PS3 zulegen. Zusammen mit Uncharted 2 ist Heavy Rain einer der Kaufgründe durch exklusive PS3-Titel und legt die Messlatte für zukünftige Geschichten und interaktive Thriller eine Stufe höher.

Rating: 10/10

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One Response to “Heavy Rain im Test: Geburt eines neuen Genres oder Quick-Time-Orgie?”

  1. [...] ihr Hilfe bei der Lösung benötigt, lest einfach unseren Test zu Heavy Rain erneut [...]

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